Rente mit 70 – Segen oder Fluch

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Rente mit 70?

Rente mit 70?

Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht das Renteneintrittsalter Gegenstand der politischen Auseinandersetzung wird. Das verwundert nicht, denn die Kassen der gesetzlichen Rentenversicherung sind notorisch klamm und Berechnungen zufolge wird sich der finanzielle Engpass in einigen Jahren noch erheblich verschärfen. Der jüngste Vorschlag in dieser Diskussion heißt Rente mit 70.

Er ist als Extremforderung zu sehen, aufgeworfen in einem Strategiepapier der EU-Kommission sowie von wirtschaftsnahen Instituten wie dem Institut für deutsche Wirtschaft (IW).

Rente mit 70 – Die Gründe

Die EU-Kommission argumentiert damit, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bis 2060 um 7 Jahre steigen wird und plädiert dafür das Renteneintrittsalter in der Europäischen Union um vier Jahre und sieben Monate zu verschieben. Sie verweist auf den höheren Durchschnitt der OECD-Länder, wo Männer im Schnitt mit 63,5 Jahre und Frauen 63,2 Jahre arbeiten. Doch wer wäre davon betroffen? Schriebe man die bisherige schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters mit 67 in gleichem Tempo fort, so wären es die heute 28jährigen (Jahrgang 1982), welche erstmals Rente mit 70 beziehen würden.

Renten-Eintrittsalter contra Beitragserhöhung

Die Rentenversicherung als System basiert auf bestimmten Voraussetzungen, die sich grundlegend verändert haben. Die Menschen werden immer älter, beziehen länger Rente und das Verhältnis von Beitragszahlern und Rentenempfängern verschiebt sich massiv. Hieß die Lösung des Problems in der Vergangenheit Rentenerhöhungen auszusetzen oder die Beiträge anzuheben, so setzt man seit einigen Jahren verstärkt auf das Mittel der Heraufsetzung des Eintrittsalters. Zuletzt auf 67. Dieses Gesetz ist inzwischen umstritten. Vor dem Hintergrund, dass die staatlichen Zuschüsse zur Rentenversicherung in den letzten Jahren immer weiter angestiegen sind und im laufenden Haushaltsjahr den Rekordwert von über 80 Mrd. Euro erreichen ist davon auszugehen, dass zukünftige Regierungen dieses Gesetz nicht mehr nennenswert reformieren werden.

Das Renteneintrittsalter jedoch weiter zu erhöhen heißt nichts anderes als die existierenden und absehbaren Probleme der Gegenwart in die Zukunft zu verschieben. In der Hoffnung, befürchtete Generationenkonflikte bereits heute entschärfen zu können und das System der gesetzlichen Rentenversicherung in der jetzigen Form finanzierbar zu halten.

Rente mit 70 – Provokative Forderung

Es steht außer Frage, dass die Forderung nach einem noch höheren Eintrittsalter von der Generation der jetzigen Beitragszahler als Provokation empfunden wird. Arbeiten doch immer mehr Menschen in schlechtbezahlten Jobs. Viele haben einfach zu wenig Geld um spätere Versorgungslücken durch eine ausreichende private Vorsorge auszugleichen. Doch auch diejenigen unter ihnen, welche einen sicheren und gutbezahlte Arbeitsplatz haben, dürften derartige Forderungen wenig erfreuen. Zahlen sie doch schon jetzt die Höchstbeiträge und bereits heute ist absehbar, dass sie nur eine unterdurchschnittliche Rente beziehen werden. Weit weniger als sie einmal eingezahlt haben.

In den Ohren der Generation 50+ klingen derartige Forderungen ohnehin nur noch wie Hohn. Im Falle eines Jobverlustes schaffen es heute die wenigsten von ihnen einen vergleichbaren Arbeitsplatz auf Dauer zu finden.

Rente mit 70 aus Sicht der Unternehmen

Wer jetzt Rente mit 70 fordert, wie Vertreter von Arbeitgeberverbänden, verkennt die Lage. Fakt ist, dass bereits heute nur eine Minderheit tatsächlich bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter arbeitet. Solche Vorschläge werden wohl eher aus Angst vor zusätzlichen Belastungen in den Raum geworfen, denn die könnten im Falle von alternativen Beitragsanhebungen die Gewinne der Unternehmen schmälern. Ein ernstes politisches Interesse der Wirtschaft dieses gesamtgesellschaftliche Problem sozial ausgewogen zu lösen ist von dieser Seite jedenfalls nicht zu erkennen.

Rente mit 70 praxistauglich?

Die Frage, ob das Instrument der Heraufsetzung des Renteneintrittsalters wirklich praxistauglich ist, steht noch aus. Körperlich schwer arbeitende Menschen werden wohl kaum bis zum Eintritt der gesetzlichen Altersgrenze ihrer Beschäftigung nachgehen können. Eine grundlegende Reform des Arbeitsmarktes ist daher zwingend, damit bereits die jetzige Reform überhaupt greifen kann. Es müssen vielmehr Angebote für die Generation 60+ geschaffen werden. Wie man auch heute schon sehen kann, fühlt sie sich noch längst nicht dem alten Eisen zugehörig, sondern ist aktiv wie nie zuvor und nimmt am gesellschaftlichen Leben teil.


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