In Deutschland sind täglich über eine Million Pflegekräfte im Einsatz und mehr als fünf Millionen Menschen sind auf Pflege angewiesen. Während die einen hetzen, sitzen die anderen und warten. Genau an diesem Punkt begegnen sich zwei Seiten einer Medaille: Pflege aus Sicht der Patienten und Pflegekräfte.

Inhaltsverzeichnis
Ein Blick in den Pflegealltag
Im Wohnzimmer sitzt eine Frau im Bademantel auf der Sofakante. Darunter trägt sie nur ihr Nachthemd. Die Waschschüssel steht bereit, das Handtuch liegt gefaltet davor. Sie wartet, und langsam kriecht ihr die Kälte hoch. „Kommt heute überhaupt jemand?“
Draußen hastet die Pflegekraft vom ambulanten Pflegedienst aus dem Auto. Beim vorherigen Patienten gab es plötzlich Atemprobleme – ein Arzt musste kommen. Jetzt klingelt sie mit schlechtem Gewissen: zehn Minuten zu spät.
💬 Derselbe Moment und doch erleben beide ihn völlig anders.
Genau hier zeigt sich, dass Pflege immer die Begegnung zwischen Menschen ist. Menschen, die einander oft kaum kennen und sich trotzdem sehr nahekommen müssen. Doch kann in einem solchen Moment überhaupt gute Pflege entstehen?
Warum Pflege gegenseitiges Verständnis braucht
Für viele Patienten beginnt Pflege mit einer tiefgreifenden Veränderung. Früher waren sie selbstständig und brauchten keine Unterstützung im Alltag. Doch durch einen Sturz oder eine Erkrankung entstand eine Pflegebedürftigkeit.
Für manche bedeutet das den Umzug in ein Pflegeheim. Andere entscheiden sich für die häusliche Pflege, bei der auf einmal fremde Pflegekräfte ins eigene Zuhause kommen. Ein Ort, der bisher privat war.
Diese neue Situation ist emotional belastend. Patienten verlieren ein Stück Selbstbestimmung. Hier braucht es ein Miteinander, das auf Verständnis basiert. Und das können nur Pflegekräfte geben, die fachlich und menschlich darauf vorbereitet sind.
Was Patienten von professioneller Pflege erwarten

🤝 Sicherheit und Vertrauen
Wer Pflege erhält, gibt ein Stück Kontrolle ab. Umso wichtiger ist das Gefühl, in guten Händen zu sein. Patientinnen und Patienten wünschen sich Pflegekräfte, die kompetent sind, freundlich auftreten und in einfachen Worten erklären, was sie tun. Kleine Gesten wie ein kurzer persönlicher Satz oder ein ruhiger Blick geben sofort Halt.
🕐 Verlässlichkeit und Kontinuität
Auch wenn wechselndes Personal oft unvermeidbar ist, schaffen feste Zeiten, klare Abläufe und möglichst wenige neue Gesichter Sicherheit. Gerade dann, wenn sich im Leben ohnehin schon vieles verändert hat.
⏱️ Zeit – oder das Gefühl davon
Niemand erwartet endlose Minuten. Doch Hektik fällt auf und vermittelt schnell das Gefühl, nur „abgearbeitet“ zu werden. Eine kurze Nachfrage, ein Gespräch ohne Eile reichen aus, um echte Aufmerksamkeit zu zeigen und Pflege menschlich werden zu lassen.
Wie Pflegekräfte ihren Beruf erleben

Pflegekräfte erleben ihren Beruf als Aufgabe, die von Herzen kommt, ihnen aber gleichzeitig körperlich und emotional viel abverlangt. Ihr Arbeitstag ist auf dem Papier durchgeplant und trotzdem nicht vorhersehbar. Und hinter jedem ihrer flinken Schritte steckt ein hohes Maß an Verantwortung.
Verantwortung dafür, dass Medikamente richtig verabreicht, Wunden fachgerecht versorgt und Sturzrisiken oder Druckgeschwüre rechtzeitig erkannt werden. Jede Entscheidung im Pflegeberuf zählt, und das im Minutentakt.
Damit eine Pflegekraft diesen Aufgaben sicher und selbstbewusst begegnen kann, braucht es eine Pflegeausbildung, die weit mehr leistet, als reine Theorie zu vermitteln. Sie muss starke Fachkräfte in der Pflege ausbilden, die sicher genug werden, um später im Berufsalltag verantwortungsvoll handeln zu können.
Dass eine gute Ausbildung wirkt, zeigt auch die Praxis.
„Unsere enorme Fachlichkeit in der häuslichen Behandlungspflege wird von Mitarbeitenden und Auszubildenden sehr abwechslungsreich und interessant wahrgenommen“, schreibt der Pflegedienst Hessen-Süd über die Ausbildung in der Pflege.
Pflege unter Druck – Zahlen, die das Ausmaß zeigen
Der Pflegebedarf wächst schneller, als Fachpersonal ausgebildet wird. Ende 2023 waren 5,69 Millionen Menschen pflegebedürftig, und das sind dreimal so viele wie zu Beginn des Jahrtausends.
Während die Pflege von Angehörigen noch den Großteil ausmacht, steigt auch der Druck für Pflegedienste und Pflegeheime:
(Quelle: Statista – Anzahl der Pflegebedürftigen / Veröffentlicht am 27.06.2025)
Bis 2055 wird die Zahl der Pflegebedürftigen laut Destatis um weitere 37 Prozent steigen und das allein durch die Alterung der Gesellschaft. Damit wächst auch die Belastung für Pflegekräfte, die diese steigende Pflegequote auffangen müssen. Das zeigt, dass Fachkräfte in der Pflege auszubilden, wichtiger denn je ist.
(Quelle: Statista – Prognose zur Anzahl von Pflegebedürftigen)
💡 Reagiert die Politik endlich mit einer Reform auf die Belastung der Pflegekräfte?
In den Gesprächen mit dem Pflegedienst meiner Mutter wird mir immer wieder bewusst, wie groß der Druck im Alltag tatsächlich ist. Pflegekräfte erzählen offen, wie schwer der Spagat zwischen Zeitdruck, Verantwortung und Menschlichkeit geworden ist und wie sehr sie hoffen, dass die angekündigte Reform 2026 echte Entlastung bringt.
Und die Pläne klingen wirklich vielversprechend: weniger Bürokratie, mehr präventive Angebote für Pflegebedürftige, frühere Unterstützung im Alltag und mehr Zeit für die eigentliche Pflege. Ob diese Reform jedoch so kommt, wie sie angekündigt ist, kann noch niemand sagen.
Weitere Informationen: MDK, Seite 6
Verständnis im Pflegealltag schaffen
Wie geht es unserer Frau im Bademantel mittlerweile?

Die Pflegekraft klingelt. Die Frau öffnet – frierend, verunsichert.
Die Pflegekraft sagt sofort:
„Es tut mir leid, dass ich später komme. Beim vorherigen Patienten gab es Atemprobleme, wir mussten den Arzt dazu holen. Jetzt bin ich ganz bei Ihnen.“
Die Frau atmet hörbar aus.
„Danke, dass Sie es sagen. Ich habe mir schon Gedanken gemacht.“
In diesem Moment passiert, was Pflege stark macht: keine Perfektion – sondern Verständnis.
Es entsteht Empathie, denn die Verspätung hatte einen Grund. Wenn Patienten wissen, dass Zeitdruck nicht Desinteresse bedeutet, wird Warten erträglicher. Wenn Pflegekräfte sehen, was Warten für jemanden bedeutet, der im Bademantel sitzt und nicht selbst duschen kann, entstehen Momente der Nähe. Und das auch, wenn wenig Zeit zur Verfügung steht.
So gelingt Kommunikation in der häuslichen Behandlungspflege
Patienten und Pflegekräfte treffen täglich aufeinander. Damit diese Begegnungen gut gelingen, braucht es ein gegenseitiges Verständnis für die Situation des anderen. Dafür braucht es eine Kommunikation, die entlastet statt belastet.
👥 Wenn Sie Pflege brauchen
Sprechen Sie ruhig aus, was Sie brauchen. Fragen Sie bei den Pflegekräften nach, wenn Sie etwas nicht verstehen. Sagen Sie ruhig auch mal Danke, auch wenn es selbstverständlich scheint.
🩺 Wenn Sie pflegen
Sagen Sie Patienten Bescheid, wenn Sie sich verspäten. Das schafft Klarheit. Erklären Sie, was Sie tun. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit für echten Kontakt, auch wenn die Zeit drängt.
🏡 Wenn Sie Angehörige pflegen
Die Pflege von Angehörigen zu Hause ist körperlich und emotional fordernd. Informieren Sie den ambulanten Pflegedienst über Veränderungen im Gesundheitszustand. Seien Sie erreichbar für Rückfragen. Respektieren Sie die fachliche Einschätzung der Pflegekräfte. Und sagen Sie auch mal: „Gut, dass Sie da sind.“
Fazit: Patienten und Pflegekräfte haben ein Ziel
Unsere Frau im Bademantel und die Pflegekraft an der Tür bringen unterschiedliche Erfahrungen, Bedürfnisse und Erwartungen mit – zwei Seiten einer Medaille.
Gerade deshalb ist es so wichtig, voneinander zu wissen: zu verstehen, was Patientinnen und Patienten brauchen, und zu sehen, unter welchen Bedingungen Pflegekräfte arbeiten. Wenn beide Seiten die Perspektive des anderen kennen, entsteht ein Miteinander, auf dem echtes Vertrauen wächst. 💚
💫 Gute Pflege gelingt dort, wo Patientinnen und Patienten Sicherheit, Würde und Aufmerksamkeit erfahren und Pflegekräfte zugleich die Ausbildung, die Zeit und die Wertschätzung erhalten, die sie brauchen, um genau das zu ermöglichen.






